Es gibt Kongresse, bei denen man das Gefühl hat, schon nach dem ersten Tag zu wissen, wie der zweite verlaufen wird. Beim Europäischen Polizeikongress 2026 in Berlin war das nicht so. Nicht weil alles überraschend neu war, sondern weil sich spürbar etwas verschoben hatte und es an diesen beiden Tagen deutlich wurde.
Ich war beide Tage dabei, habe Vorträge gehört, Podien beobachtet und die Messestände abgelaufen. Und das Auffälligste war nicht ein einzelner Vortrag, sondern ein struktureller Wandel: Künstliche Intelligenz ist aus dem Hinterzimmer herausgekommen.
Letztes Jahr, letzter Konferenzraum. Dieses Jahr: Hauptbühne.
Wer sich noch an den Kongress 2025 erinnert, weiß: KI war ein Randthema. Ein Nischenformat am Ende des Ganges, für die, die sich besonders dafür interessierten. 2026 war das Geschichte. Umfangreiche Vorträge und Panels fanden auf den Hauptbühnen statt. Kaum ein Panel kam ohne direkten oder indirekten Bezug auf KI aus. Und die Messestände? Fast kein Unternehmen konnte oder wollte es sich leisten, das Thema zu ignorieren.
Das ist erst mal eine gute Nachricht. Dass die Polizei als Institution nicht mehr so tut, als würde KI sie nichts angehen, ist überfällig. Dass es nun auf der großen Bühne diskutiert wird, zeigt: Wir sind im Mainstream angekommen.

Immer noch beim KI-Act — aber danach wird es interessant
Die Vorträge folgten einem erkennbaren Muster. Am Anfang stand der EU KI-Act, die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Einordnung. Das ist notwendig, keine Frage, aber nach dem xten Mal kennt man die Folien. Was danach kam, war spannender.

Ein Thema, das mich persönlich beschäftigt hat: die Markierung von Fehlern. Wir Polizistinnen und Polizisten nutzen KI zunehmend im Arbeitsalltag, und das hat eine Konsequenz, über die zu wenig gesprochen wird. Wenn wir mit KI-Unterstützung mehr Arbeit in kürzerer Zeit schaffen, steigt auch das Potenzial für Fehler. Nicht weil wir schlechter arbeiten, sondern weil die schiere Menge wächst und weil KI-Systeme irren. Das Positive: Die Branche hat das erkannt. Fehler sollen nicht mehr nur entstehen und übersehen werden, sondern identifiziert und markiert werden. Wir sprechen also nicht mehr nur davon, was KI kann, sondern auch davon, was sie falsch macht. Das ist Reife.
KI als Assistenz, nicht als Chef

Auch politisch war einiges zu hören. Sieben Senatoren und Innenminister aus verschiedenen Bundesländern waren zugegen. Ich habe aufmerksam zugehört und zumindest das Gefühl mitgenommen, dass die entscheidenden Personen verstanden haben, was der Kern dieser Debatte sein sollte: KI ist ein Werkzeug. Wir Polizistinnen und Polizisten sind und bleiben die Entscheidungsträger. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht immer. Umso wichtiger, dass es auf dieser Ebene klar ausgesprochen wird.

Die Messe: bekannte Gesichter, bekannte Anwendungsfälle
Ehrlich gesagt war die Ausstellungsfläche das, was mich am stärksten nachdenklich gestimmt hat. Nicht negativ, aber nachdenklich.

Die Firmen setzen auf KI, das ist unbestreitbar. Aber beim Durchlaufen der Stände entstand der Eindruck, dass sich vieles auf dieselben vier Anwendungsfälle konzentriert: ein Chatbot, eine Möglichkeit zur Datendurchsuchung, ein Avatar, der multilingual agiert (immerhin), aber ausschließlich weiß und männlich auftritt, und die Verknüpfung von Datensätzen untereinander. Das innovative, überraschende System des Jahres 2026 habe ich nicht gesehen.

Vielleicht ist das aber auch gar kein Problem, sondern ein Zeichen der Zeit. Wir könnten uns gerade in einer Konsolidierungsphase befinden. Seit dem großen KI-Boom 2023 hat sich vieles entwickelt, und nun geht es nicht mehr primär darum, neue Systeme zu erfinden, sondern darum, die vorhandenen Möglichkeiten tatsächlich in die Fläche zu bringen. Workflows nicht nur identifizieren, sondern sie gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen umsetzen und automatisieren. Die stumpfen, repetitiven Arbeitsabläufe organisationsübergreifend ablösen, damit mehr Kapazität für die Aufgaben entsteht, die wirklich vorankommen. Wer weiß: Vielleicht ist das der schönste Nebeneffekt von allem. Mehr Motivation, weil endlich weniger Verwaltungsleerlauf.

Ein kleiner Stachel zum Schluss
Bei allem Positiven bleibt mir ein Detail hängen, das ich nicht übergehen möchte. Auf einem Europäischen Polizeikongress, der in der Messe Berlin stattfindet, waren sieben Bundesländer auf Ministerebene vertreten. Berlin und Brandenburg nicht. Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber es fällt auf.

Was ich mir für 2027 wünsche
Dass wir dann davon sprechen können, dass Übersetzungsfehler und Halluzinationen keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Dass wir nicht mehr erklären müssen, warum KI daneben liegen kann, weil wir es gelöst haben. Und dass die Stände in Berlin dann vielleicht auch einen Avatar zeigen, der nicht immer gleich aussieht.

Text: Franziska Reichel, Teilnehmerin des Europäischen Polizeikongresses 2026

Auf dem Rückweg vom Kongress — Mitschriften im Kopf, Handy in der Hand“ (ich hab vergessen, ein Foto auf der Messe zu machen 🤦🏼‍♀️